Das Versuchslabor für kühne Choreografie «trial & error» fand wegen des ersten Lockdowns im Frühjahr nicht statt. Daher rief die Dampfzentrale Bern Künstler*innen auf, ihre Fragen an den digitalen Raum – diese uns alltäglich gewordene, virtuelle Welt – zu stellen. Was versteckt dieser Ort, welche Potentiale für Choreografie stecken in ihm? Eine neugierige Auseinandersetzung fern von Live-Streamings begann.

Im Dezember präsentieren wir nun drei Arbeiten, die Choreografie und digitalen Raum erforschen. Etwas Wagen und gegebenenfalls Scheitern sind bei «trial & error» explizit erwünscht.

Rebekka Bangerter – attempts on your body (by the anonymous screen in front of you)

Was bedeutet es, einer körperlosen Entität gegenüberzustehen? Wer oder was spricht da zu einem?
Wo liegt der schmale Grad zwischen explizit gewalttätigen Texten, harmlosen Flirts, spassigen Drohungen oder einer einfachen Bitte?

Inspiriert von Peter Handkes Publikumsbeschimpfung, Videos aus Drohnencockpits (veröffentlicht von Wikileads), dem Survival-Game «Rust» sowie eigenen Erfahrung mit sexuell übergriffigen und explizit gewalttätigen Kommentaren auf Dating Sites oder in Social Media Chatrooms erarbeitete Rebekka Bangerter eine written-word online Performance. Dabei untersucht sie den Angriff des Internets auf den realen, physischen Körper und stellt die Frage nach Konsequenzen virtueller Akte.

Rebekka Bangerters Arbeiten bewegen sich als performative Installationen an der Grenze zur bildenden Kunst und beschäftigen sich insbesondere mit der Frage, wie die Medialisierung unsere Wahrnehmung und Realität beeinflusst, wobei das Publikum oftmals auf ungewohnte Art und Weise miteinbezogen wird.

Die Aufführungen von Rebekka Bangerter sind jeweils eins-zu-eins.
Anmeldung via info@dampfzentrale.ch
Bei der Anmeldung erhalten Sie mögliche Uhrzeiten für eine Buchung.
Die Platzzahl ist limitiert.

Nina Richard – feet4music2grass3feetrev2.mov

Wie lässt sich die Beziehung zwischen Publikum und Performer*in im digitalen Raum neu erfinden?
Wie lassen sich in dieser virtuellen Welt Unmittelbarkeit und Intimität herstellen?

Als Antwort kombiniert Nina Richard die Präzision einer klar festgelegten Choreografie mit einem Durcheinander, welches auch das «echte» Leben auszeichnet. Elf Tänzerinnen des MassHysteria Collective setzten sich mit Film und Ton auseinander – eine Vielzahl an Sichtweisen entstand. Der choreografierte Desktop arrangiert und inszeniert diese Dokumentationen der individuellen Realitäten in Portugal, England, Indien, Deutschland, Italien, Spanien und der Schweiz.

Nina Richard ist freischaffende Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin. Sie ist ferner Mitbegründerin des Tänzerinnen-Kollektivs MassHysteria, das 2019 mit dem Trinity Laban Innovation Award ausgezeichnet wurde und mit Performances im Tate Modern oder an London’s Resolution Dance Festival auftrat.

 

! Die Performance sollte wenn möglich über extern angeschlossene Speakers oder sonst mit Kopfhörern geschaut werden. Sonst verliert der Sound an Qualität.

Emma Murray – A Live Encounter with my Archive

Wie bemerken wir, dass eine Schreibpraxis in Bewegung ist?
Wie kann der Prozess des Schreibens als Denken gesehen werden?

Emma Murray lädt zu einer live Begegnung mit ihrem Archiv. Mithilfe eines Online-Anmerkungs-Tools überschreibt sie bestehende Probeaufnahmen ihrer Performance «Monsterhood. The Making of». Als Choreografin, die sich für Sprache und Text interessiert, fungiert ihre physische und taktile Annäherung an digitale Medien als Brücke zwischen der Welt des Körpers, einer Welt der Anstrengung und der Sinne, und einer scheinbar grenzenlosen, digitalen Welt – der Welt der Bildschirme und Fenster, der sofortigen und gleitenden Übertragungen.

Emma Murray arbeitet auf dem Gebiet der Performance und Choreografie, wobei sie im Besonderen die Komplexität des Lebendigseins in ihre Körpersprache übersetzt. Ihre Solo- oder Gruppenprojekte nutzen Text und Sprache, um die Bewegung der Performance zu kontextualisieren. Von 2013 bis 2015 war Emma Murray Associated Artist der Dampfzentrale Bern, wo ihre Arbeiten regelmässig koproduziert werden.

Rebekka Bangerter:
Konzept, Text, Performance: Rebekka Bangerter. Dramaturgische Unterstützung: Andreas Wirz.

Nina Richard:
Konzept/Choreografie: Nina Richard & Jennie Boultbee. Musik: Norbert Pfammatter & Nina Richard. Performer*innen: Hannah Aebi, Dominique Baker, Jennie Boultbee, Willa Faulkner, Julia Kayser, Sophie Page, Marlen Pflüger, Rebecca Piersanti, Nina Richard, Katie Serridge, Lydia Walker. 

Emma Murray:
Performer*innen: Claudia Bath, Simea Cavelti, Emma Murray und Sandra Klimek. Musik: Till Hillbrecht. Text: Sadie Smith, Zeros and Ones, Giulia Palladini und Marco Pustianaz, The Making of Our Lexicon, and From Stuttering and Stammering to the Diagram: Deleuze, Bacon und Contemporary Art Practice by Simon O`Sullivan. Musikfragmente: Jonas Albrecht und Till Hillbrecht.