Nichts ist mehr wie es war. Für den Preis von ein paar hundert Arbeitsstunden kannst du dich in einem Tag von irgendeinem Punkt auf diesem Planeten zu einem x-beliebigen anderen hinbewegen.

Du drückst eine Taste, logst dich ein, scrollst, drückst «gefällt mir» und erfährst, was vor 5 Sekunden auf der anderen Seite des Globus passiert ist, was genau in diesem Moment so alles geschieht. Die Welt im Wartezustand, sprachlos.

 

«Alles ist wie es war. Du suchst dir nicht aus, wo du geboren wirst, und du wirst dir kaum aussuchen, wo du stirbst. Der Körper fühlt Schmerz, er isst, atmet, schläft, fühlt. Nervenzellen regenerieren sich nicht. Die Welt hält nur ganz subtil zusammen.» (NO99 zu «Jeder echte Herzschlag» )

 

Die Herzen des AUA-Publikums haben sie schon drei Mal höher schlagen lassen, das Tallinner Ensemble NO99: mit der Oil-Peak-Groteske «Nafta», der Befruchtungsaktion «HEM» (Heisse estnische Männer) und zuletzt mit «Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt», einer von Beuys inspirierten Hinterfragung des Künstlerdaseins vor dem Hintergrund drastischer Sparmassnahmen. Produktionen, die nicht nur in Estland künstlerische wie sozialpolitische Debatten auslösten. Für das aktuelle Projekt gibt AUA eine Carte Blanche!

 

Die bisherigen Projekte basierten auf einem dramaturgischen Plot und setzten sich mit estnischer Identität und allen Folgeerscheinungen eines neoliberalen Wirtschaftssystems auseinander. Jetzt richtet sich der Fokus ganz ohne Plot auf das Individuum, seine fragile emotionale Identität in einer emotional leergefegten Welt. Und NO99 setzt dafür auf die Poesie, auf Gedichte des estnischen Dichters Juhan Liiv. Poesie nicht im romantischen Sinne, nicht lauwarm, sondern heftig, emotional riskant. «Es geht nicht einfach ums Überleben, wir wollen wissen, wovon hängt Leidenschaft ab, heute, in unserem Leben? Worüber denken die Menschen nach? Was fühlen sie? Was hilft uns, den anderen Menschen zu erkennen, auch dann, wenn wir seine Sprache nicht sprechen, seine Augen nicht kennen und keinen Mut haben, seine Haut zu berühren? Können wir ihn überhaupt erkennen? Fühlen wir überhaupt noch was?» (Tiit Ojasoo)

Ein Ensemble setzt sich aus: 3 Wochen sind die SpielerInnen solo unterwegs, in Kambodscha, Kuba, Miami, Finnland, Tierra del Fuego, Japan. Sie gehen auf physische Distanz zu ihrem gewohnten Umfeld, ihre Emotionen und Gefühle generieren neue ‹Untertitel› aus einer fremden Realität. Eine Gratwanderung, bei der die Absturzgefahr essenzieller Bestandteil des Unternehmens is.

 

Mit: Rasmus Kaljujärv, Eva Klemets, Risto Kübar, Mirtel Pohla, Gert Raudsep, Inga Salurand, Marika Vaarik. Text: Ene-Liis Semper, Tiit Ojasoo & Ensemble. Regie: Ene-Liis Semper, Tiit Ojasoo. Dramaturgie: Eero Epner.

 

Publikumsgespräch: So, 28. April, im Anschluss an die Vorstellung.