Programmablauf:

20:30 Uhr Tönstör Laptop-Ensemble

21:00 Uhr Christoph Heemann

22:00 Uhr Asmus Tietchens

23:00 Uhr Maja Ratkje

00:00 Uhr   Scanner

(Änderungen vorbehalten)

 

In der Langen Nacht der elektronischen Musik erkundet die Dampfzentrale nun bereits zum vierten Mal das weitläufige Gelände zwischen elektronischer Komposition, Installation, und den verschiedenen Gebieten experimenteller elektronischer Musik, die ihre Wurzeln bei Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, John Cage, Iannis Xenakis, Pierre Henry oder Luc Ferrari hat und in den letzten 50 Jahren zu unzähligen neuen Verzweigungen und Formen fand. Im letzten Jahr konnten wir zum ersten Mal wichtige Figuren als Gäste begrüssen. Vor allem war dies Eliane Radigue, die grande dame der elektronischen Musik aus Paris, die zuerst für die Urväter der Musique Concrète, Pierre Schaeffer und Pierre Henry, arbeitete und danach einen sehr eigenwilligen musikalischen Stil entwickelte. Ebenfalls aus Paris, obwohl gebürtige Deutsche, luden wir Brunhild Meyer-Ferrari ein, Komponistin und Witwe des einflussreichen Klangmagiers Luc Ferrari, der es scheinbar als einziger verstand, der akademisch geprägten elektronische Musik mit Humor entgegenzutreten. Aus einer jüngeren Generation präsentierten wir das Duo strøm aus Biel sowie den Berliner Markus Popp, der unter dem Namen Oval internationale Bekanntheit erlangte in der Welt der modernen elektronischen Musik weitab von Dancefloor und DJing.

 

Auch dieses Jahr wollen wir als Einstimmung in die Sommerzeit den elektronischen Klängen einer ausgesuchten internationalen Gilde von MusikerInnen und KomponistInnen lauschen.

 

 

Maja Ratkje


Maja Ratkje, 1973 im Norwegischen Trondheim geboren, ist eine Vokalistin, Musikerin und Komponistin. Ihre musikalische Tätigkeit ist äusserst vielfältig. Solo veröffentlichte sie Alben auf den renommierten Labels «Rune Grammofon» (Norwegen) und John Zorn’s «Tzadik» (USA). Parallel dazu ist sie Mitglied des improvisierenden Frauenquartetts Spunk und des Noise-Duos Fe-Mail. Sie arbeitete mit der Schwedischen Tänzerin Lotta Melin, mit dem Neo-Dadaisten Jaap Blonk und den MusikerInnen Joëlle Léandre, Ikue Mori, Zeena Parkins, Paal Nilssen-Love und Stephen O’Malley zusammen und gastierte auf der «ECM Records»-Veröffentlichung von Frode Haltli. Nebenbei dass sie für die Oslo Sinfonietta komponiert hat, gründete sie unlängst eine Band zusammen mit bekannten norwegischen Black Metal-Musikern.

 

Mit ihrem Auftritt an der diesjährigen Langen Nacht der elektronischen Musik gibt sie ihr erstes Gastspiel in Bern. Zu erwarten ist ein Konzert zwischen ausgeklügelter Klangperformance und aufwühlender Vokalkunst.

 

 

Scanner

 

Der Projektname Scanner tauchte 1993 erstmals in der Musikwelt auf, mit einer Serie von grafisch schlicht gehaltenen CDs auf denen von einem Funkscanner abgehörte, teils krude Telefongespräche einen ebenbürtigen Platz einnahmen neben unaufdringlichen elektronischen Sounds. Man konnte sich der Faszination nicht entziehen, echten, sehr intimen Telefongesprächen zu lauschen, die ein gewisser Robin Rimbaud aus der Luft gefiltert und zu einer Art musikalisch unterlegten Kurzgeschichten verarbeitet hatte. Die zwiespältige grosse Wende kam als niemand anderes als Björk ein gelooptes Telefonklingeln von Scanner als Intro für ihren Hit-Song «Possibly Maybe» benutzte – leider ungefragt, was einen juristischen Streit nach sich zog, da Rimbauds Plattenfirma sich nicht davon abbringen liess einen Prozess anzustrengen.

 

Seither ist vieles passiert: Scanner schrieb die Musik zum Film «Gravesend» von Steve McQueen, der zur Zeit mit «Shame» in den Schweizer Kinos präsent ist, entwarf den Soundtrack für die Eröffnungszeremonie der Schimmweltmeisterschaft in Rom, arbeitete mit Tanzchoreografen, zeitgenössischen Ensembles (Musiques Nouvelles), berühmten Komponisten (Michael Nyman), Jazzmusikern (The Post Modern Jazz Quartet), fertigte Remixes für Bill Laswell oder Thurston Moore an, wurde von Leuten wie Aphex Twin bewundert und sogar von Karlheinz Stockhausen lobend erwähnt. Der sehr experimentelle Ansatz der Anfangstage ist längst einer ästhetisch ansprechenden Electronica gewichen, die von versöhnlichen Stimmungsbildern und rhythmischen Elementen nicht zurückschreckt. Anders als viele seiner Kollegen hat es Robin Rimbaud aber nie zum Dancefloor hingezogen, er suchte seinen Weg im Kunstzirkel und nicht in den Spielstätten der kommerziellen elektronischen Musik.

 

Scanner wird die Lange Nacht mit seinem ersten Auftritt in Bern seit 14 Jahren beschliessen.

 

 

Asmus Tietchens


Der Hamburger Asmus Tietchens (*1947) veröffentlichte sein erstes Album «Nachtstücke» im Jahr 1980. Es war ein experimentelles, elektronisches Werk zwischen akademischen kompositorischen Ansätzen mit Nähe zu Stockhausen und einer eigentümlichen Krautrock-Ästhetik. Zum ersten Mal tauchte sein Name aber bereits im Jahr 1977 auf, und zwar auf der ersten LP die das deutsche Duo Cluster (Dieter Möbius und Hans-Joachim Rödelius) zusammen mit dem später weltberühmten «Erfinder» der Ambient Music, Brian Eno, veröffenlichte. Tietchens Nähe zur Krautrock-Szenerie schlug sich hörbar auf der darauf folgenden Serie von Album-Veröffenlichungen nieder die allesamt auf dem musikgeschichtlich relevanten, deutschen Label «Sky Records» erschienen. Mehr und mehr näherte er sich klangästhetisch der damals aufkommenden Industrial Music an, wurde schliesslich von wichtigen Exponenten, im Speziellen von den britischen Nurse With Wound, bewundert und gefördert. Ab mitte der 1990er-Jahre fand seine dritte musikalische Inkarnation statt. Er beschäftigte sich nun intensiv mit Mikrotönen, komponierte elektronische Stücke am Rande der Stille, was ihn mit einem anderen deutschen Klangkünstler, Thomas Köner, zusammenbrachte. Gleichzeitigen zu seinen in formeller Abstraktion kaum mehr zu überbietenden Werken dieser Zeit begann er mit dem Nebenprojekt Hematic Sunsets (ein Anagram seines Namens) rhythmisch ausgeklügelte, auf eine sehr experimentelle Art beschwingte Musik zu erschaffen, eine Art Easy Listening für ein Parallel-Universum. Hier war auch für illustre Gäste Platz, wie etwa Felix Kubin oder Michael Rother, Gitarrist der einflussreichen Gruppe Neu! In seinen Live-Auftritten kommen seine verschiedenen musikalischen Welten zusammen.

 

 

Christoph Heemann


Christoph Heemann (*1964) stammt aus Aachen. Seine musikalische Laufbahn begann Anfang der 1980er-Jahre mit dem Duo H.N.A.S., welches auf einzigartige Weise Dadaismus, Noise Culture, Krautrock, Instrumentalklänge, Collagen-Techniken, humoristische Einlagen und flächige Soundlandschaften verband. Nachdem die beiden Akteure im Streit auseinander gingen, widmete sich Heemann seiner Solokarriere und damit einer rein instrumentalen, elektronischen Musik zwischen Ambient, Musique Concrète und Komposition. Einer seiner engsten musikalischen Mitstreiter war seit jeher der Chicagoer Musiker Jim O’Rourke, gemeinsame Aufnahmen aus den frühen 1990ern erschienen erst kürzlich auf Heemann’s eigenem Label «Stream­line». Sie arbeiteten auch in der Band Mimir zusammen, welche neben Heemann, dessen Bruder Andreas Martin und Jim O’Rourke auch Mitglieder der britischen Popgruppe The Legendary Pink Dots beinhaltete. Weitere Projekte der letzten Jahre waren Mirror (mit Andrew Chalk) und In Camera (mit Timo Van Luijk). In den letzten Jahren erschienen Kollaborationen mit Lee Ranaldo (Sonic Youth) und Charlemagne Palestine, der unser Festival Saint Ghetto im Jahr 2010 im Berner Münster eröffnete.

 

 

Tönstör Laptop-Ensemble


Das einzige existierende Ensemble für neue Musik, deren TeilnehmerInnen erst 13 bis 15 Jahre alt sind, zeigt Neues vom Plattenspieler bis zum Heimcomputer.

 

In ein Gebiet, das bisher fast nur auf Hochschulniveau eingehend studiert werden kann, wurden währende mehrer Monate Jugendliche in einem ausserschulischen Kontext von Medienkünstlern an experimentelle Musik herangeführt. Das Ensemble befasste sich in Workshops praktisch und theoretisch mit dem Medienverbund «Computer», hörte und diskutierte Musik und lernte Facetten der Geschichte experimenteller Musik kennen. Dadurch entwickelte sich einen Referenzraum und eine Sprache, mit der über Musik jenseits der Popsong-Strukturen diskutiert werden kann – natür­lich ohne diese auszuschliessen und den Bezug zu aus dem Alltag bekannten Formen der Musik zu verlieren. Der Computer, das aktuellste und bekannteste Medium dient dabei als Einstiegsportal in die Gegenwart und Geschichte der experimentellen Musik.

 

Leitung: Tobias Reber, Barbara Balba Weber und Gäste. Spieler/innen: Fiona Augsburger, Sitty Abuzar, Vinzenz Drescher, Tobias Borner, Philemon Thalmann.

 

 

 

Die Lange Nacht der elektronischen Musik ist eine Koproduktion der Dampfzentrale Bern und der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik IGNM Bern und wird unterstützt von KulturStadtBern, Erziehungsdirektion des Kantons Bern, Burgergemeinde Bern, Norwegische Botschaft.

Medienpartner: Berner Kulturagenda