Ist Muttersprache die Sprache, die uns in die Wiege gelegt wurde und die wir nie verlieren – die Sprache, in der wir träumen? Ist sie eine vergilbte Fotografie der Heimat oder die Angst vor dem Fremden? Wie kann ein Kind auf einen Schlag die Muttersprache verlieren? Wie lässt sich eine zweite Muttersprache finden, ohne Verlust dessen was sprachlos war?

Solchen Fragen geht der aus Nigeria stammende und in der Schweiz lebende Komponist Charles Uzor hier in fünf Anläufen nach. Im Projekt «Mothertongue» parodiert die Mezzosopranistin Isabel Pfefferkorn Texte der Igbo sowie von Novalis, Paul Celan, Markku Rauhavirta und Samuel Beckett. Das zehnköpfige Ensemble mit seinem heterogenen Instrumentarium wirkt «wie eine Umarmung der Lebenswelten: vertrauter und fremder, naher und ferner Stimmen, vergangener Zeiten und Schimären». Uzor schreibt weiter: «In einer phänomenologischen Gleichzeitigkeit agieren neue und alte Instrumente, Vibraphon, Viola d’amore, Theorbe und Tonband in semantischen Knäueln. Disparate Klänge, Machaut, Festa und Musik der Gbaya werden intuitiv verbunden, überlagert und verschoben und scheinen die Zeit für Augenblicke aufzuheben.»

Programm

Charles Uzor (*1961):

«Mothertongue I. Wolfsbohne» nach dem Gedicht «Wolfsbohne» von Paul Celan

«Mothertongue II. Rain» nach Novalis’ «Heinrich von Ofterdingen» sowie Gedichten von Samuel Beckett und Markku Rauhavirta

«Mothertongue III. Fire.mimicri» nach Sprichwörtern der Igbo

«Mothertongue IV. Tongues»

«Mothertongue V. Reigen» nach Musik von Guillaume de Machaut, Costanzo Festa und der Gbaya und einem Gedicht von Markku Rauhavirta

Besetzung

Ensemble Mothertongue:
Isabel Pfefferkorn, Mezzosopran
Fredy Singer, Klarinette / Bassklarinette
Pascal Rosset, Horn
Yu-Hsuan Pai, Perkussion
Ute Gareis, Klavier
Domenico Cerasani, Theorbe / Laute
François Girard Garcia, Violine
Gwendoline Rouiller, Violine
Florian Mohr, Viola / Viola d’amore
Christine Theus, Violoncello

Maria Christiana Uzor, Leenamaija Pirkanaho, Mark Radcliffe, Sprecher*innen ab Tape

Charles Uzor, Elektronik

Rupert Huber, Leitung

Foto: Michel Canonica