Tamara Funiciello, Co-Präsidentin der SP Frauen und Berner SP-Nationalrätin zum feministischen Streiktag 2019:

Wir sind gekommen, um zu bleiben! Venceremos!

Ich war zehn, als ich lernte, dass Buben halt so sind.
Wir waren in der Badi. Wir haben gespielt. Da kam ein Bub und riss an meinem Bikini.
Ich hab mich gewehrt, aber er war grösser.
Die Lehrerin meinte «Das sind halt Buben. Die sind halt so. Nimm es als Kompliment.»

Ich war vierzehn als ich lernte, meinen Körper zu hassen.
Wir waren Zuhause. Wir lasen Heftchen. Die sagten uns, was schön ist und was nicht.
Und, dass wir es sicher nicht waren.

Ich war siebzehn als ich lernte, dass mein Wort keinen Wert hat.
Wir waren in einer Disco, wir haben getanzt. Da kam ein Typ und begrabschte mich.
Ich sagte Nein. Er packte mich. Ich riss mich los. Ich ging. Er blieb.
Am nächsten Tag hatte ich blaue Flecken an meinen Armen.

Ich war achtzehn als ich lernte, dass wir selber schuld sind. Weil wir uns halt anders anziehen müssen. Weil wir halt nicht allein hingehen sollten oder besser gar nicht.

Zwanzig, als ich lernte, dass meine Arbeit weniger wert ist, Einundzwanzig, dass ich immer mitgemeint bin, Zweiundzwanzig, dass ich mich mehr anstrengen muss.

Ich war sechsundzwanzig als ich lernte, dass Gewaltandrohungen auch online wehtun. Dass sie Angst machen und dass sie nicht einfach im Internet bleiben.

Ich war sechsundzwanzig als man mir weiszumachen versuchte, dass ich halt mit Massenvergewaltigungsdrohungen umgehen muss. Und wenn ich es nicht aushalte, sei ich halt nicht für den Job gemacht.

Ich war sechsundzwanzig als ich begriff, dass es nicht nur mir so ging.
Ich begriff, dass niemand sicher ist, solange sie lebt. Denn jede meiner Freundinnen kann mindestens eine solche Geschichte erzählen. Und viele meiner Freunde keinen verfluchten Plan haben, wovon zur Hölle ich rede.

Ich begriff, dass es nicht Einzelfälle sind, sondern die Regel. Ich begriff, dass es um Macht geht und nicht um Lust.

Ich begriff, dass es darum nie enden würde.

Dann haben Heldinnen wie Anja, Nina, Tanja, Samira, Lotti, Anna, Kathrin, Julia mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin. Heldinnen wie Ruth, Michelin, Simonetta, Barbara, Regina, Geraldine haben mich daran erinnert, dass ich es nie war.

Darum habe ich entschieden, mir das nicht länger gefallen zu lassen.
In die Offensive zu gehen. Darüber zu reden. Es sichtbar zu machen –  egal wie weh es tut.

Ich habe entschieden mich zu lieben.

Ich habe entschieden mich zu wehren.

Ich habe entschieden solidarisch zu sein.

Darum stehe ich heute hier.

Darum streiken wir heute.

Wir streiken, weil wir sterben. Alle zwei Wochen eine Frau in ihren eigenen vier Wänden.

Wir streiken, weil mindestens 800’000 Frauen in diesem Land bereits sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Wir streiken, weil es in unserem Freundeskreis mehr Frauen gibt, die vergewaltigt werden, als solche, die es in eine Kaderposition schaffen.

Wir streiken, weil 92% der Fälle erst gar nicht gemeldet werden.

Wir streiken, weil Fussballstars nie schuld sind – schau doch wie gut sie treffen.

Wir streiken, weil Menstruationsblut eklig ist, aber Vergewaltigungspornos boomen.

Wir streiken, weil sie uns sagen, wir sollen keine Opfer sein, statt ihnen zu sagen, sie sollen keine Täter sein.

Wir streiken, weil unser Nein nicht zählt. Weder in der Bar, noch im Bett, noch vor Gericht.

Wir streiken, weil die Leute, die auf Kinder schiessen, besser bezahlt werden, als solche, die sie grossziehen.

Wir streiken, weil wir nicht nur die Hälfte des Kuchens wollen, sondern die ganze verfluchte Bäckerei.

Wir streiken, weil wir genug haben.

Wir, wir sind der Widerstand.

Wir, wir sind die Hoffnung.

Wir, wir sind die Zukunft.

Wir sind die Töchter der Hexen, die die Patriarchen nicht verbrennen konnten.

Das hier, heute, ist erst der Anfang.

Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Venceremos!