Der US-amerikanische Regisseur David Lynch hatte von Anfang seines künstlerischen Schaffens an eine sehr starke Bindung zum Medium Musik. Dies einerseits als Komponist und Musiker, andererseits durch sein glückliches Händchen, Kombinationen aus Bild und Musik zu erschaffen, die zu Klassikern der Filmgeschichte wurden. 1960er-Jahre-Hits wie «In Dreams» von Roy Orbison und insbesondere natürlich «Blue Velvet» von Bobby Vinton konnte man nie mehr hören ohne die verstörenden Bilder von Lynchs Film «Blue Velvet» (1986) vor Augen zu haben. Der Score zum Film stammte von Angelo Badalamenti, der Jahre später mit dem Soundtrack zu «Twin Peaks» das musikalische Grundmuster zu Lynchs Bildern schuf und damit fast schon eine eigenständige musikalische Stilschublade kreierte. Das Schlussstück von «Blue Velvet», «The Mysteries Of Love», war der erste Auftritt von Julee Cruise im David Lynch-Universum, später spielte sie dann bei «Twin Peaks» ebenfalls eine tragendere Rolle und wurde zum Gesicht für die von Badalamenti komponierte typische «David Lynch-Musik».

Bereits für sein Regiedebut «Eraserhead» (1977) ersann David Lynch zusammen mit dem Sounddesigner Alan R. Spled eine unheimliche Geräuschkulisse, die als Soundtrack-LP meist in den Industrial Music-Sektionen der spezialisierten Plattenläden landete. Einzig wirklich musikalisches Stück auf dem gesamten Soundtrack war «In Heaven (Lady in the Radiator-Song)», mitkomponiert und gesungen von Peter Ivers, einem Singer/Songwriter der 1983 unter mysteriösen Umständen ermordet wurde.

Für die Musik seines zweiten Films «The Elephant Man» (1980) wählte er den völlig unbekannten Komponisten John Morris. Dieser erschuf für den durch eine Krankheit entstellten Protagonisten, der auf Jahrmärkten als Attraktion herumgereicht wird, ein unvergessliches musikalisches Thema.

Einer der Schlüsselmomente für den gehobenen David Bowie-Fan ist sicherlich das von Lynch im Vorspann von «Lost Highway» (1997) eingesetzte «Deranged». Hingegen darf man den Einsatz von zwei Rammstein-Stücken im selben Film getrost als einmaligen Ausrutscher in Lynchs Musikwahl bezeichnen und es ihm verzeihen.

David Lynch komponierte aber nicht nur für seine Filme sondern auch für reine Plattenproduktionen. Mehr noch als seine zwei experimentellen Popalben von 2011 und 2013 ist das sträflich unterschätzte Projekt BlueBob von 2001 zu erwähnen. Im Duo mit dem Musiker, Sänger und Produzenten John Neff (der oft auch als Sound Engineer für seine Soundtracks arbeitete) kreierte Lynch hier eine minimalistisch-rockende Industrial Blues-Platte, die damals kaum jemand wahrgenommen hatte. Ein paar Stücke tauchten jedoch in Lynchs Film «Mulholland Drive» auf, der im gleichen Jahr veröffentlicht wurde.

Bereits 1999 lernten sich David Lynch und die Musikerin Chrysta Bell kennen. Erst 12 Jahre später aber schufen sie gemeinsam ein Album. Es wurde unter Chrysta Bells Namen veröffentlicht obwohl sie alle Songs gemeinsam schrieben und er die Platte produziert hat. Wiederum ein paar Jahre später holt Lynch sie als FBI Special Agent Tammy Preston in die neue, dritte Staffel von «Twin Peaks». An der Seite von FBI Deputy Director Gordon Cole – gespielt von David Lynch höchstpersönlich – brilliert sie als eine der erfrischendsten neuen Figuren im bizarren Geschehen in der fiktiven US-amerikanischen Kleinstadt.

2018 erscheint beim Label Sacred Bones (Jenny Hval, Zola Jesus…) eine ziemlich eigenwillige, mit Popelementen durchsetzte, zuweilen sogar funkige, Experimental-Jazz-Platte der Band Thought Gang. Dahinter steckt niemand anderes als David Lynch und Angelo Badalamenti plus eine Reihe amerikanischer Jazz-Sessionmusiker. Aufgenommen wurde sie offensichtlich schon in den frühen 1990er-Jahren, kein Wunder also kannte man zwei Stücke bereits aus dem «Twin Peaks»-Prequel «Twin Peaks: Fire walk with me».